Berichte

Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar hatte am vergangenen Freitag offiziell das Ende des Angriffskriegs auf das Gebiet der Selbstverwaltung in Nordsyrien angekündigt. Am Samstag wurde aber insbesondere Ain Issa bombardiert. Wie während der angeblichen »Waffenruhe« vom 23. bis zum 29. Oktober gehen auch jetzt die völkerrechtswidrigen Kampfhandlungen und Bombardierungen der Türkei weiter. Zugleich gibt es Angriffe von dschihadistischen Schläferzellen in vielen Städten. Zivilistinnen werden attackiert oder entführt. Die nordsyrischen Städte Serekaniye (Arabisch: Ras Al-Ain) und Gire Sipi (Tal Abjad) sind nun komplett unter türkischer Hoheit und von dschihadistischen Gruppen besetzt. Bis zu 300.000 Geflüchtete sind ohne Zuhause, davon sind 45.000 unter zehn Jahre alt. Die meisten sind aber Frauen, weil sie ihre Kinder und ältere Menschen schützen müssen. Kurdinnen, arabische Frauen, Christinnen mussten ins südlicher gelegene Hasaka fliehen, leben nun in Schulen, alten Häusern, Ruinen oder auf der Straße. Mittlerweile gibt es dort zwei Flüchtlingscamps. Auch bei Derik gibt es eines, wo 15.000 Menschen unterkamen. Tausende Menschen müssen mit Lebensmitteln und Winterkleidung sowie medizinisch versorgt werden. Aufgrund eines Angriffs auf die Wasserversorgung ist Wasser knapp. Internationale große Organisationen haben sich aufgrund des Kriegszustandes zurückgezogen; hauptsächlich kleinere blieben.

Wird sich die humanitäre Situation verschärfen?

Wir machen uns große Sorgen, weil der Winter vor der Tür steht. Es gibt zu wenige Unterkünfte, kaum Ärztinnen und wenig Medikamente. Die Türkei beabsichtigt offenbar, die Menschen mürbe zu machen. Heyva Sor, der Kurdische Roter Halbmond, die größte Hilfsorganisation vor Ort, versucht zusammen mit Teilen der Bevölkerung, deren Gesundheitszustand noch gut ist, Geflüchtete zu versorgen.

Die Frauenstiftung WJAR war bisher in der feministischen Bildungsarbeit in Rojava tätig. Müssen Sie jetzt wegen der türkischen Invasion auf Flüchtlingshilfe umsteigen?

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Wir haben von Beginn an immer wieder Flüchtlingsarbeit in Camps geleistet. Der Bedarf ist massiv angestiegen. Schon nach den Angriffen der Türkei auf den Kanton Afrin Anfang 2018 zeigte sich aber, wie schnell die Menschen sich wieder zusammenfanden und eine neue Selbstverwaltung aufbauten. Wir wollen unsere feministische Arbeit weiterführen. Wer mitwirken oder spenden möchte, kann uns per Mail kontaktieren. Die Wintererstversorgung für eine Person kostet zwischen 200 und 300 Euro.

In den vergangenen Jahren haben wir mehrere tausend Frauen in erweiterter erster Hilfe ausgebildet, starke Teams mit Frauengesundheitsmitarbeiterinnen aufgebaut. Sie sind in der Lage, Ärztinnen und Ärzte zu unterstützen, Krankheiten zu erkennen. Sie können Verbände anlegen, Spritzen setzen, Infusionen legen, nach medizinischer Erstversorgung eine Folgebehandlung leisten. Sie arbeiten in Krankenhäusern sowie mit Sanitäterinnen und Sanitätern des Heyva Sor. Wir geben unsere Bildungsarbeit nicht auf. Es geht darum, die Selbstorganisierungskraft von Frauen zu stärken.

Kann der Überfall der Türkei das Selbstverwaltungsprojekt letztlich zerstören?

Nein. Weil die Frauen schon zuvor in der Frauenbewegung aktiv waren, sind sie erfahren darin, Probleme zu lösen. Perspektivisch werden die Flüchtlingscamps wieder so organisiert, wie in Rojava bislang alle strukturiert waren – mit Campräten und autonomen Frauenräten. Das ist ein gutes Modell gegen Gewalt in den Camps. Im Gegensatz zu vielen Flüchtlingslagern anderswo finden dadurch kaum Übergriffe auf Frauen statt. Das Projekt der Selbstverwaltung beweist sich in der Krise. Deshalb will die Bevölkerung zum großen Teil in Syrien bleiben und dort an der multikulturellen Gesellschaft festhalten. Nur wenige Menschen, egal ob arabisch, christlich oder kurdisch, wollten in den Nordirak oder nach Europa flüchten. Das ist dem türkischen Regime ein Dorn im Auge. Ihm geht es darum, die Städte zu leeren und sie dann zu besetzen.

Die Zeit vom 4. November titelte schon »Die letzten Tage von Rojava«. Hat dort der Traum von Basisdemokratie, Räterepublik und Feminismus eine Zukunft?

Ich finde es gefährlich, wenn bürgerliche Medien so etwas schreiben. Fragt sich, in wessen Dienst sie sich damit stellen. Die Erfahrung von Rojava wird in den Menschen weiterleben, egal wo sie hingehen. Die Frauenbefreiung und die Räteorganisation, die hier stattgefunden hat, inspiriert und motiviert Menschen international, ob in Lateinamerika oder in Europa – alle, die offen für linke Ideen und Theorien der Basisorganisation sind. Es ist ein überzeugendes Modell und nicht so leicht zu zerschlagen. Es wird auch weiterhin legitime Selbstverteidigung geben.

Protürkische Kämpfer haben aus Frauenhass Kriegsverbrechen wie den Mord an der YPJ-Kämpferin Amara Renas am 21. Oktober, deren Leiche geschändet wurde, begangen. Ihre Kampfgenossin Cicek Kobani wurde am selben Tag von der durch die Türkei befehligten Terrormiliz Ahrar Al-Sham auf brutale Weise gefangengenommen. Führt die Teilnahme von Frauen am militärischen Kampf nicht zu umso härteren Reaktionen?

Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar hatte am vergangenen Freitag offiziell das Ende des Angriffskriegs auf das Gebiet der Selbstverwaltung in Nordsyrien angekündigt. Am Samstag wurde aber insbesondere Ain Issa bombardiert. Wie während der angeblichen »Waffenruhe« vom 23. bis zum 29. Oktober gehen auch jetzt die völkerrechtswidrigen Kampfhandlungen und Bombardierungen der Türkei weiter. Zugleich gibt es Angriffe von dschihadistischen Schläferzellen in vielen Städten. Zivilistinnen werden attackiert oder entführt. Die nordsyrischen Städte Serekaniye (Arabisch: Ras Al-Ain) und Gire Sipi (Tal Abjad) sind nun komplett unter türkischer Hoheit und von dschihadistischen Gruppen besetzt. Bis zu 300.000 Geflüchtete sind ohne Zuhause, davon sind 45.000 unter zehn Jahre alt. Die meisten sind aber Frauen, weil sie ihre Kinder und ältere Menschen schützen müssen. Kurdinnen, arabische Frauen, Christinnen mussten ins südlicher gelegene Hasaka fliehen, leben nun in Schulen, alten Häusern, Ruinen oder auf der Straße. Mittlerweile gibt es dort zwei Flüchtlingscamps. Auch bei Derik gibt es eines, wo 15.000 Menschen unterkamen. Tausende Menschen müssen mit Lebensmitteln und Winterkleidung sowie medizinisch versorgt werden. Aufgrund eines Angriffs auf die Wasserversorgung ist Wasser knapp. Internationale große Organisationen haben sich aufgrund des Kriegszustandes zurückgezogen; hauptsächlich kleinere blieben.

Wird sich die humanitäre Situation verschärfen?

Wir machen uns große Sorgen, weil der Winter vor der Tür steht. Es gibt zu wenige Unterkünfte, kaum Ärztinnen und wenig Medikamente. Die Türkei beabsichtigt offenbar, die Menschen mürbe zu machen. Heyva Sor, der Kurdische Roter Halbmond, die größte Hilfsorganisation vor Ort, versucht zusammen mit Teilen der Bevölkerung, deren Gesundheitszustand noch gut ist, Geflüchtete zu versorgen.

Die Frauenstiftung WJAR war bisher in der feministischen Bildungsarbeit in Rojava tätig. Müssen Sie jetzt wegen der türkischen Invasion auf Flüchtlingshilfe umsteigen?

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In den vergangenen Jahren haben wir mehrere tausend Frauen in erweiterter erster Hilfe ausgebildet, starke Teams mit Frauengesundheitsmitarbeiterinnen aufgebaut. Sie sind in der Lage, Ärztinnen und Ärzte zu unterstützen, Krankheiten zu erkennen. Sie können Verbände anlegen, Spritzen setzen, Infusionen legen, nach medizinischer Erstversorgung eine Folgebehandlung leisten. Sie arbeiten in Krankenhäusern sowie mit Sanitäterinnen und Sanitätern des Heyva Sor. Wir geben unsere Bildungsarbeit nicht auf. Es geht darum, die Selbstorganisierungskraft von Frauen zu stärken.

Kann der Überfall der Türkei das Selbstverwaltungsprojekt letztlich zerstören?

Nein. Weil die Frauen schon zuvor in der Frauenbewegung aktiv waren, sind sie erfahren darin, Probleme zu lösen. Perspektivisch werden die Flüchtlingscamps wieder so organisiert, wie in Rojava bislang alle strukturiert waren – mit Campräten und autonomen Frauenräten. Das ist ein gutes Modell gegen Gewalt in den Camps. Im Gegensatz zu vielen Flüchtlingslagern anderswo finden dadurch kaum Übergriffe auf Frauen statt. Das Projekt der Selbstverwaltung beweist sich in der Krise. Deshalb will die Bevölkerung zum großen Teil in Syrien bleiben und dort an der multikulturellen Gesellschaft festhalten. Nur wenige Menschen, egal ob arabisch, christlich oder kurdisch, wollten in den Nordirak oder nach Europa flüchten. Das ist dem türkischen Regime ein Dorn im Auge. Ihm geht es darum, die Städte zu leeren und sie dann zu besetzen.

Die Zeit vom 4. November titelte schon »Die letzten Tage von Rojava«. Hat dort der Traum von Basisdemokratie, Räterepublik und Feminismus eine Zukunft?

Ich finde es gefährlich, wenn bürgerliche Medien so etwas schreiben. Fragt sich, in wessen Dienst sie sich damit stellen. Die Erfahrung von Rojava wird in den Menschen weiterleben, egal wo sie hingehen. Die Frauenbefreiung und die Räteorganisation, die hier stattgefunden hat, inspiriert und motiviert Menschen international, ob in Lateinamerika oder in Europa – alle, die offen für linke Ideen und Theorien der Basisorganisation sind. Es ist ein überzeugendes Modell und nicht so leicht zu zerschlagen. Es wird auch weiterhin legitime Selbstverteidigung geben.

Protürkische Kämpfer haben aus Frauenhass Kriegsverbrechen wie den Mord an der YPJ-Kämpferin Amara Renas am 21. Oktober, deren Leiche geschändet wurde, begangen. Ihre Kampfgenossin Cicek Kobani wurde am selben Tag von der durch die Türkei befehligten Terrormiliz Ahrar Al-Sham auf brutale Weise gefangengenommen. Führt die Teilnahme von Frauen am militärischen Kampf nicht zu umso härteren Reaktionen?

Die Frauenselbstverteidigungseinheiten YPJ sind legitim. Es ist das Recht eines jeden Menschen, sich zu verteidigen. Die Angriffe der Türkei und der Dschihadisten zielen darauf, die Emanzipation von Frauen mit aller Brutalität zu verhindern. Sie haben gleich am Anfang ihres militärischen Überfalls die bekannte kurdische Politikerin und Frauenrechtlerin Hevrin Khalaf getötet. Deshalb müssen sich die Frauen wehren.

Drohender Genozid in Syrien

„Es geht jetzt um die Existenz der Christen“

Veröffentlicht am 18.11.2019 | Lesedauer: 6 Minuten Von Alfred Hackensberger, Tal Tamer

Die Christen Nordsyriens wurden von den USA und vom Rest der Welt im Stich gelassen. Mit eigenen Kampfeinheiten kämpfen sie gegen die islamistischen Milizen der Türkei. Und fürchten doch die Auslöschung: „Sie morden wie Tiere“.

Die blau bemalte Gipsstatue der heiligen Maria mit dem Jesuskind im Arm liegt in Scherben am Boden. Bilder des Heiligen Georg sind zerrissen, Kirchenbänke übereinandergeworfen. Auf dem Altar ein Chaos aus Kruzifixen, Kerzenleuchtern und Gebetsbüchern. Es ist ein Bild der Verwüstung, das syrische Milizen in der Kirche von Tal Abiad hinterlassen haben. Diese nordsyrische Grenzstadt war einer der ersten Orte, den mit der Türkei verbündete, radikalislamistische Söldner eroberten.

Ankara setzt diese Milizen als Bodentruppen bei der am 9. Oktober begonnenen Invasion ein. Der türkische Präsident Erdogan will die kurdische YPG vernichten, die er eine „Terrortruppe“ nennt. Und er will eine „Sicherheitszone“ in Nordsyrien einrichten. „Aber in Wirklichkeit richtet sich dieser Angriff auch gezielt gegen die Christen“, sagt Johannes de Jong, Direktor von Sallux, einer Stiftung der Europäisch Christlichen Politischen Bewegung mit Sitz in den Niederlanden. „Die Türkei will die Demografie der Region komplett verändern. Dafür soll die christliche Bevölkerung verschwinden“, fürchtet de Jong. In der Tat hat Erdogan angekündigt, über zwei Millionen syrische Flüchtlinge arabischen Ursprungs aus der Türkei wieder in Nordsyrien anzusiedeln. „Dazu braucht er Platz und den sollen die Christen frei machen“, glaubt de Jong.

Die Zerstörungen in der Kirche von Tal Abiad sind kein Einzelfall. Die türkischen Freischärler verwüsten systematisch alle Gotteshäuser in den von ihnen eroberten Dörfern und Städten. In Nordsyrien leben bis zu hunderttausend Christen, die meisten nah an der Grenze zur Türkei. Viele sind inzwischen aus Angst vor den Islamisten geflohen, die aus ihren Absichten keinen Hehl machen. „Die Ungläubigen müssen wissen, dass die Armee von Prophet Mohammed wieder da ist“, drohen die Angreifer im Nachrichtendienst Telegram. Gnadenlos ermorden sie Zivilisten und enthaupten gegnerische Soldaten. Bilder ihrer Gräueltaten verbreiten sie in Internetvideos. „Zwischen ihnen und dem Islamischen Staat (IS) gibt es keinen Unterschied“, sagt Malak, ein junger Christ aus Qamischli, der drittgrößten Stadt Nordsyriens. „Sie morden wie Tiere.“

Für die Christen ist es nun das dritte Mal innerhalb von wenigen Jahren, dass sie von radikalen Islamisten vertrieben werden. 2013 fiel al-Qaida in die Region ein, nur ein Jahr darauf kam der IS, plünderte und mordete. Das Kalifat gilt mittlerweile als besiegt. Im März hatten die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) mithilfe amerikanischer Truppen den letzten Zufluchtsort des IS in Baghuz am Euphrat erobert. Aber Schläferzellen sind weiter aktiv. In Qamischli explodierten letzte Woche drei Autobomben, eine direkt vor einer Kirche. Doch die größte Gefahr droht den Christen in Nordsyrien inzwischen von den radikalen Freischärlern, die im Dienste der Türkei stehen.

„Es geht um die Existenz der Christen“

Trotz der beschlossenen Waffenruhe sind sie auf dem Vormarsch in das Herzland der Christen. Die Region entlang des Khabur-Flusses ist seit Jahrhunderten von Christen bewohnt. Ziel der Islamisten ist Tal Tamer, eine christliche Stadt, 35 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Der Ort ist ihre letzte Bastion, sollte sie fallen, wäre das Schicksal der Christen in der Khabur-Region

besiegelt. Denn die islamistischen Milizen hätten dann freie Bahn in diese fruchtbare, von Getreide- und Gemüsefeldern überzogene Gegend. Es geht jetzt um die Existenz der Christen“, so Pastor de Jong. „Sollten die türkischen Söldner das Gebiet einnehmen, wird es neu besiedelt. Dann verlieren die Christen ihre angestammte Heimat.“

Die dramatische Lage erinnert die Christen an „Sayfo“, wie sie den Genozid nennen, den das Osmanischen Reich an Armeniern und Assyrern beging. Damals wurden eine Million Armenier und 500.000 assyrische Christen ermordet. „Wir wissen schon lange, dass wir als Christen nicht sicher sind, aber mittlerweile wird die Situation noch extremer“, berichtet Gabi, ein junger technischer Ingenieur aus Qamischli. „Man will uns vertreiben, aber wir haben hier unser Leben und unsere Erinnerungen. Wir wollen bleiben.“ Wie alle Christen hier ist Gabi von Amerika enttäuscht. Von Präsident Trump fühlen sie sich verraten. Denn als dieser der Türkei Anfang Oktober grünes Licht für die Invasion gab, gab er damit auch deren islamistischen Hilfstruppen freie Hand.

In der Khabur-Region hat die christliche Miliz MFS die Verteidigung der Christen übernommen. Der MFS existiert seit 2013, in den Anfangsjahren hatte die Einheit nur wenige Hundert Mann. Heute dienen ihr mehrere Tausend Soldaten. Vergangene Woche gab die MFS-Führung den Tod von sechs „Märtyrern“ bekannt. Alle starben an der Front von Tal Tamer, das die türkischen Islamistengruppen mit aller Gewalt einnehmen wollen. Die Milizen stehen bereits vier Kilometer vor der Stadt. Dabei liegt Tal Tamer außerhalb der von der Türkei geforderten Sicherheitszone.

Im örtlichen Krankenhaus kommen Pfleger und Ärzte nicht zur Ruhe. Ständig werden neue Verletzte eingeliefert. „Dabei kann man viele Verwundete an der Front nicht erreichen, weil die Krankenwagen beschossen werden“, berichtet Tina Heinle am Telefon aus Tal Tamer. Die Deutsche ging vor einem Jahr nach Nordsyrien, um die lokale Frauenbewegung zu unterstützen. „Rund die Hälfte der Bevölkerung ist geflohen“, erzählt Heinle. „Eine ältere Christin sagte mir, dass sie lieber in ihrer Heimat sterben wolle, als sie zu verlassen.“

Dabei wissen die Bewohner von Tal Tamer, was sie erwartet. Denn 2016 war der IS bereits in diese Region eingedrungen. Er hatte über 30 Dörfer zerstört und 254 Christen verschleppt. Darunter junge Frauen, die die IS-Kämpfer als Sexsklavinnen verkauften – wie sie dies auch mit über 5000 Jesidinnen im Nordirak getan hatten. Kidnapping gehört auch zur Praxis der Islamisten in türkischen Diensten. „Erst am Samstag haben sie 16 Zivilisten entführt“, berichtet Heinle. Darunter soll auch ein 15-jähriges Mädchen sein.

Die Kämpfer des MFS geben sich dennoch zuversichtlich. Sie sehen sich auf einer Mission: „Wir sind glücklich, die Türkei, unseren historischen Feind, bekämpfen zu dürfen“, sagt Orom Hanna, ein Kommandeur des MFS in der Nähe von Tal Tamer. „Die Türkei hat meine Großeltern ermordet“, behauptet er. Orom schiebt die schwere Pistole zurecht, die in seinem Hosenbund verrutscht ist. Vielleicht rührt seine Gelassenheit daher, dass er schon an vielen Kämpfen gegen den IS beteiligt war. Doch der Ernst der Lage ist ihm bewusst. Der MFS ist den Angreifern militärisch hoffnungslos unterlegen: „Unser Problem sind die Flugzeuge, insbesondere die Drohnen“, gibt Orom zu. „Wir haben keine Waffen, um sie abzuschießen.“ Dennoch hat sich der MFS bis jetzt wacker geschlagen. Obwohl eine Reihe von Dörfern nördlich von Tal Tamer immer wieder den Besitzer wechseln, konnte die Stadt bis jetzt gehalten werden. Bis jetzt.

https://www.welt.de/politik/ausland/plus203578528/Syrien-Tuerkische-Milizen-bedrohen-Christen- in-Syrien.html

Trotz ihrer sowohl mit der russischen wie auch der US-Regierung vereinbarten Waffenstillstandsabkommen setzt die Türkei ihren Angriffskrieg auf Nordsyrien in der vierten Woche fort. Die Speerspitze der Invasionstruppen bildet eine unter türkischer Führung geschaffene Söldnerformation namens Syrische Nationalarmee, der eine Vielzahl dschihadistischer Kampfgruppen einschließlich ehemaliger Al-Qaida- und IS-Kämpfer angehören. Eine dieser Kopfabschneidertruppen, die anfangs von Saudi-Arabien finanziert wurden und nach ihrer Evakuierung aus dem Umland von Damaskus in der türkisch geführten Söldnerarmee aufgingen, ist Dschaich-Al-Islam. Erstmals machte dieser Kampfverband 2015 von sich reden, als er Angehörige der alawitischen Religionsgemeinschaft in Metallkäfigen auf öffentlichen Plätze als lebende Schutzschilde gegen Luftangriffe der Regierungstruppen zur Schau stellte. Weitere »Spezialitäten« der Terrorgruppe sind Folter mit Elektro­schockern sowie Massenhinrichtungen von Gefangenen.

Inzwischen hat die Dschaich-Al-Islam technisch aufgerüstet. Neben den hinlänglich bekannten weißen Toyota-Pickups verfügt die Truppe mittlerweile über Panzer. Stolz präsentierte die Kampfgruppe am Mittwoch auf ihrer Website ein Video eines mit »alman« Militärtechnik durchgeführten Angriffs auf ein syrisches Dorf nahe der bereits türkisch besetzten Grenzstadt Ras Al-Ain. Deutlich zu erkennen ist, wie die mit einem Schützenpanzer vorrückenden Dschihadisten von einem »Leopard 2«-Kampfpanzer der türkischen Armee begleitet werden.

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Noch 1999 drohte die damalige SPD-Grünen-Regierung fast an der Lieferung eines ersten »Leopard 2«-Testpanzers an die Türkei zu zerbrechen. Doch in den letzten Amtstagen der bereits abgewählten Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und Außenminister Joseph Fischer (Grüne) waren die Grünen nicht mehr so skrupulös. So segnete der Bundessicherheitsrat im Oktober 2005 den Export von rund 300 Stück an die Türkei ab. Das Land unter der Regierung von Recep Tayyip Erdogan überzeuge mit Reformen, hieß es rechtfertigend aus dem Auswärtigen Amt. Die einzige Auflage für den Deal bestand in der Einschränkung, dass die Panzer nicht an Drittstaaten verkauft werden dürfen. Ihr Einsatz bei Invasionen in Nachbarstaaten war damit ebenso vertraglich abgedeckt wie der gegen kurdische Aufständische im eigenen Land.

»Leopard«-Panzer kamen bereits bei der Besetzung des syrisch-kurdischen Kantons Afrin im Winter 2018 zum Einsatz und rollen nun wieder in einem selbst von Bundesregierung als »nicht völkerrechtskonform« angesehenen Angriffskrieg gegen Syrien. Konsequenzen hat das keine. Selbst jetzt, wo die Panzer als Kavallerie für Ankaras dschihadistische Mordbrenner dienen, will die Bundesregierung keinen umfassenden Waffenlieferungsstopp gegen die NATO-Partnerin verhängen.

„Wir haben die Menschheit vor dem IS beschützt. Andere haben Gesetze gemacht, die Menschen und Krankenhäuser im Krieg schützen sollen und nun sind sie es, die die Gesetze nicht befolgen – es brennen unsere Krankenhäuser, sie greifen die Krankenwagen an, ermorden unsere Mitarbeiter*innen und werfen sie in die Kanalisation“, erklärt Cemila Heme als Ko- Vorsitzende des Kurdischen Roten Halbmonds (Heyva Sor a Kurd).

Die humanitäre Lage in Rojava ist dramatisch und droht sich weiter zu verschärfen. Cemila Heme beziffert die Anzahl der nach der türkischen Invasion geflohenen Menschen auf mindestens 300.000 – möglicherweise auch mehr. Die Infrastruktur der Gebiete, in die sich die Familien unter Mitnahme meist nur weniger Güter flüchteten, leidet unter der Masse der Hilfsbedürftigen. In drangvoller Enge hausen sie notdürftig in Wohnungen, Gehöften und Schulen. Zurzeit sind 55 Schulen nicht benutzbar, 86.000 Kinder können nicht zum Unterricht.

Die westlichen Landesteile um Kobanê und Ain Issa sind durch die Besetzung türkischer Truppen vom Osten zunehmend abgeschnitten, was die Versorgungslage deutlich verschärft. Im okkupierten Gebiet wurden beim Einmarsch zehn Kliniken und Gesundheitseinrichtungen beschossen, beschädigt und unbrauchbar. Außerhalb der umkämpften Zonen sind die Hospitäler noch funktionsfähig, jedoch an der Belastungsgrenze.

Schwindende Reserven

Der Rückzug US-amerikanischer Truppen und die militärische Aggression Erdoğans zwang die Selbstverwaltung Rojavas zur Annäherung an das Assad-Regime. Die Akzeptanz syrisch russischer Militäreinheiten führte zum Rückzug der humanitär wichtigen NGOs, die nun ihren Aufenthalt als gefährdet betrachten. Die regionale Selbstverwaltung und der Kurdische Rote Halbmond sehen sich unter diesen eskalierenden Bedingungen allein gelassen. Die zu bewältigenden Aufgaben sind immens: Neben der medizinischen Versorgung von 14 Camps mit Abertausenden Geflohenen – allein im Camp Hol leben ungefähr 70.000 Menschen – erwarten die existierenden Ambulatorien und viele Krankenhäuser extreme Anforderungen – mit jedoch immer schlechter werdenden Ressourcen. Als ihre größte Sorge beschreibt Cemila Heme den deutlichen Schwund an materiellen und finanziellen Reserven, die zum Einbrechen der Leistungsfähigkeit des Kurdischen Halbmonds führen könnten. Die Folgen wären katastrophal.

Über 550 Tote, über 1100 Verletzte

Die türkische Invasion hat bis jetzt über 550 Menschen getötet, mit einer unklaren Dunkelziffer, viele liegen unter den Trümmern ihrer Häuser begraben. Über 1100 Menschen wurden verletzt. Zahlreiche Kinder sind unter den Opfern. Trotz eines „Waffenstillstands“, der diese Bezeichnung nicht verdient, sterben täglich Menschen in einem Krieg, der zum Machterhalt Erdoğans und zur Erweiterung territorialer Claims geführt wird.

Autoritäre inhumane Systeme triumphieren, das Assad-Regime unter dem Patronat Russlands, ebenso wie die Türkei Erdoğans, die ungehindert Teile Syriens annektiert. Europa ergeht sich in Ermahnungen und Lippenbekenntnissen, zu schwer wiegen die ökonomischen und militärischen Beziehungen zum Aggressor Türkei. Vergessen, wer den Kampf gegen den IS führte, die 11.000 toten kurdischen und SDF Kämpfer*innen, die 21.000 schwerverletzten und verstümmelten jungen Menschen, die nun sehen können, wo sie bleiben.

Die hochgepriesenen humanitären Ansprüche Europas entpuppen sich als moralisch-ethisches Totalversagen, als Verrat an der Bevölkerung Rojavas.

Der Versuch in Rojava ein gesellschaftliches Model der Selbstverwaltung, der Gleichberechtigung von Mann und Frau und basisdemokratischer Ansätze zu errichten, ist irritierend, störend oder wird bestenfalls ignoriert. Geschützt, gefördert und finanziert werden von den Staaten Europas hingegen mörderische Diktaturen, die Menschenrechte mit Füßen treten. Hier hingegen kämpfen die Menschen um nichts weniger als um ihr Leben, im leibhaftigen und erweiterten Sinn.

Klima- und Friedensbewegung wachsen zusammen: Viele Ortsgruppen von »Fridays for Future« sind nun auch unter dem Mott

o »Fridays for Peace« aktiv. Am Freitag gingen bundesweit und international in mehreren Städten jeweils Hunderte Schülerinnen und Schüler gegen den türkischen Angriffskrieg auf die Demokratische Föderation Nordsyrien, Rojava, auf die Straße. In Deutschland unter anderem in Berlin, Göttingen, Frankfurt am Main, Stuttgart und Köln. Mit einem Aufruf, den mehr als 100 in- und ausländische Ortsgruppen von »Fridays for Peace« unterschrieben hatten, forderten sie europäische Regierungen und Unternehmen auf, Waffenexporte, diplomatische Unterstützung und finanzielle Hilfe für die Türkei zu unterlassen – trotz deren Drohungen, »Geflüchtete auf europäisches Territorium« zu schicken. »Wir können nicht zulassen, dass das faschistische Regime der Türkei weiterhin Menschen abschlachtet«, hieß es in der Erklärung der Schülerbewegung in Frankfurt am Main. »Wir solidarisieren uns mit dem angegriffenen autonomen Gebiet Rojava, welches sich Ökologie auf die Fahnen geschrieben hat«. Die Bundesregierung trage Mitschuld an dem Angriff, weil viele der dort benutzten Waffen aus Deutschland stammten.

Die jungen Aktivistinnen und Aktivisten blockierten eine Mainbrücke, machten mit lauten Parolen und bunter Pyrotechnik auf ihr Anliegen aufmerksam. In Stuttgart gab es am Freitag im Anschluss an eine Demonstration mit 300 Schülerinnen und Schülern Blockaden vor dem Besucherzentrum der Daimler AG, deren Werk und dem Mercedes-Benz-Museum. Daimler-Produkte ruinierten nicht nur die Umwelt, sondern dienten auch zum Transport von Waffen und Truppen, hieß es. Mit einem Werk in der Türkei verdiene das Unternehmen dort Geld »dank bester Beziehungen zum faschistischen AKP-Regime«, so die Initiative »Rise up for Rojava«, die mit zu den Protesten aufrief. In Berlin besetzten Aktivisten von »Fridays for Peace« eine Stunde lang den Showroom von VW. Sie forderten »einen totalen Stopp jeglicher Wirtschaftskooperation mit der Türkei« und »die definitive Absage« für den Bau des dort geplanten 1,5 Milliarden teuren Werks. Selbst in kleineren Städten wie Offenburg in Baden-Württemberg ging es zur Sache: Rojava sei beispielhaft für den Aufbau einer ökologischen, basisdemokratischen und feministischen Gesellschaft, so die 17jährige Jaana Hilberer am Montag gegenüber junge Welt. »Den Menschen dort werden schlimme Kriegsverbrechen angetan«. Empathie spielt eine große Rolle: In Rojava gebe es zwei Gruppen von »Fridays for Future«. Ihr Leben sei in Gefahr; sie drohten ihr Zuhause zu verlieren. Wichtig sei, sich »mit den Freundinnen und Freunden in Syrien zu solidarisieren«, sagte sie.

»Wir fordern einen sofortigen Stopp dieses Angriffskriegs, dass die Bundesregierung aufhört, ihn weiterhin mit Waffenlieferungen und wirtschaftlicher Kooperation anzuheizen«, erklärte ihre Mitstreiterin Tara Cicetti aus Köln. »Fridays for Peace« schließe sich weiterhin Protesten gegen den völkerrechtswidrigen Krieg an, sagte die 21jährige. Ein bundesweiter Aufruf sei noch in der Diskussion, die einzelnen Ortsgruppen seien aber unabhängig in ihrem Handeln.

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In Köln sei im Vorfeld der Großdemo eines breiten Bündnisses kurdischer, türkischer und deutscher linker Organisationen am Samstag »eine miese Polizeitaktik« angewandt worden – offenbar um Menschen von der Teilnahme abzuhalten. Ohne Nachweise habe die Versammlungsbehörde behauptet, es sei mit Tausenden gewaltbereiten türkischen Nationalisten zu rechnen, die sich unter die Demonstranten mischen und provozieren könnten. Trotzdem hätten sich 10.000 Menschen beteiligt. Mit einem völlig übertriebenen Aufgebot mit Hundertschaften, Reiterstaffel und vier Wasserwerfern seien die Einsatzkräfte dann vor Ort erschienen.

Auch in Stuttgart sei die Polizei am Samstag unangemessen gegen rund 2.000 Demonstranten vorgegangen, habe einen Block von 200 Beteiligten willkürlich abgetrennt und kontrolliert, ihnen für diesen Tag einen Platzverweis für das gesamte Stadtgebiet erteilt, berichtete Sina Reisch, die Sprecherin der Klimabewegung »Ende Gelände«. Diese interessiere sich keineswegs nur für Umwelt und Klimagerechtigkeit, sie mache sich auch für Rojava stark und sei überzeugt, dass »die Interessen von Kapital und Nationalstaaten ins Verderben« führten.

20.04.2019 »Gesellschaftlicher Konflikt wird noch lange präsent sein«

Der IS in Syrien scheint nahezu besiegt. Die Not der Bevölkerung bleibt unvermindert groß. Die tagesthemen haben den Arzt Michael Wilk begleitet, der jeden Tag gegen das Leid ankämpft.

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